13.01.2026
Warum wir zuerst für Menschen in Leitung und Verantwortung beten sollen
Ein Impuls von Dr. Johann Matthies anlässlich der Allianzgebetswoche 2026
Ich habe mich oft gefragt, warum laut 1. Tim 2,1–2 die Fürbitte ausgerechnet bei Menschen in Leitungsverantwortung ansetzt. Warum es einen ausdrücklichen Aufruf gibt, nicht nur für die Armen und Leidenden, für Familie und Freunde zu beten, sondern ganz bewusst für Menschen in Autorität. Für diejenigen, die entscheiden, führen und Verantwortung tragen, die über ihr eigenes Leben hinausgeht.
Vielleicht liegt es daran, dass wir schneller bereit sind, Leiterinnen und Leiter zu kritisieren, als sie wirklich wahrzunehmen. Wir erleben die Folgen ihrer Entscheidungen und fühlen uns berechtigt, aus der Distanz zu urteilen. Gebet hingegen verlangt Nähe des Herzens. Es lädt uns ein, in die Last eines anderen einzutreten, statt uns über ihn zu erheben.
Leitung ist in fast jeder Form ein einsamer Ort. Ob jemand ein Land, eine Gemeinde, eine Schule, ein Team oder eine Klasse leitet, Verantwortung hat die leise Eigenschaft, Menschen zu isolieren. Das Gewicht wächst mit der Zeit. Erwartungen häufen sich. Dankbarkeit ist rar, Schuldzuweisungen nehmen zu. Fehler bleiben nicht privat, sie wirken sich im Leben anderer aus. Und selbst gute Entscheidungen haben ihren Preis.
Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir Johannes der Täufer in den Sinn, nicht als heroische Gestalt, sondern als zutiefst menschliche. Er trug die Hoffnungen, das Bekenntnis, die Schuld und die Sehnsucht unzähliger Menschen. Sie kamen zu ihm, weil sie spürten, dass er halten konnte, was sie selbst nicht mehr tragen oder allein entscheiden konnten. Tag für Tag stand er an diesem Ort des Zuhörens, benannte Zerbruch und rief zur Umkehr und Veränderung. Und doch lebte er selbst am Rand, sich seiner Grenzen und seiner eigenen Unvollständigkeit sehr bewusst.
So fühlt sich Leitung oft an. Menschen bringen das Ungeklärte, das Schmerzhafte und das Unrechtmäßige und legen es, oft unbewusst, in die Hände derer, die führen. Mit der Zeit wird diese Last schwer. Kita-Leitungen hören die ungefilterte Wahrheit über Familien in Not. Notärzte begegnen der Zerbrechlichkeit des Menschseins in ihrer extremsten Form. Lehrkräfte, Polizisten, Pastoren, Politiker und Führungskräfte aller Art begegnen den Rissen unserer Gesellschaft lange bevor sie in öffentlichen Debatten sichtbar werden. Und dann kommt dieser Moment. Johannes steht wieder unter den Menschen, sieht Jesus auf sich zukommen und plötzlich hebt sich die Last. Hoffnung bricht auf. Mit Freude und tiefer Erleichterung weist er von sich weg auf den, „der die Sünde der Welt trägt.“ (Joh. 1,29)
Was mir in meinen eigenen Leitungsaufgaben und im Blick auf Verantwortungsträger Hoffnung gibt, ist die Erinnerung daran, dass niemand dazu bestimmt ist, solche Lasten allein zu tragen. Im Zentrum der christlichen Geschichte steht die Überzeugung, dass das tiefste Gewicht dieser Welt, Schuld, Gewalt, Ungerechtigkeit und Leid, nicht auf menschlichen Schultern ruht. Da ist eine größere Barmherzigkeit am Werk, die aufnimmt, was uns sonst erdrücken würde.
Leitung wird nur dort tragfähig, wo Lasten abgelegt und an anderer Stelle anvertraut werden dürfen. An diesem Punkt verändert sich auch das Gebet. Es wird leiser und zugleich tiefer. Es wandelt sich von Kommentierung zu Mitgefühl und von Urteil zu Fürbitte. Wenn wir für Menschen in Verantwortung beten, erkennen wir die sichtbaren und unsichtbaren Lasten an, die sie tragen. Wir sehen hinter der Rolle den Menschen. Mit allen Begrenzungen, verletzlich und oft müde.
Für Leiterinnen und Leiter zu beten heißt nicht, ihre Fehler zu entschuldigen. Es bedeutet, sich zu weigern, sie zu entmenschlichen. Es heißt, um Weisheit zu bitten, wo Komplexität überfordert, um Mut, wo Angst zu faulen Kompromissen verleitet, und um Ruhe, wo Erschöpfung die Klarheit bedroht. In einer Welt, die schnell Schuld verteilt, wird Fürbitte zu einem stillen Akt des Widerstands. Sie besteht darauf, dass kein Mensch in Verantwortung, in welchem Bereich auch immer, allein unter dem Gewicht der vielen betroffenen Leben stehen soll. Und sie erinnert uns daran, dass wir füreinander verantwortlich bleiben und dass Mitgefühl, wenn es im Gebet zu Gott getragen wird, keine Schwäche ist, sondern der Anfang von Heilung.
Für unsere Politikerinnen und Politiker, für alle Leiterinnen und Leiter, für unser Land - für uns alle!